Bürgerinitiative »Wilmersdorfer Mitte«

Fechnerstrasse

Mehr oder weniger nördlich – parallel zum Wilmersdorfer Ende der Brandenburgischen Straße – verläuft die Fechnerstraße. Sie verlief somit früher hinter den nach Süden Richtung Dorfkern orientierten Höfen und Stallungen an der Berliner Straße.

Besagte Berliner Straße lag aus Wilmersdorfer Sicht (von der Wilhelmsaue aus) am nördlichen Rande des Dorfes und hieß deswegen seit ihrem Entstehen als halbwegs befestigter, besiedelter Weg im 19. Jahrhundert bis 16. März 1888, als sie ihren heutigen Namen erhielt, Hintere Straße. Eben weil sie, nördlich, hinter Wilmersdorf lag.

Die Ecke der Kreuzung Fechnerstraße/Berliner Straße
(nach 1900 bis spätestens 1914).

Blick in die Berliner Straße nach Westen,
rechts am Bildrand zweigt die Fechnerstraße ab, die damals Lauenburger Straße hieß.

Das unscharfe Turmdach in der Bildmitte gehört zum Eckhaus Uhlandstraße/Berliner Straße,
in dem sich jahrzehntelang das Möbelhaus „Polke“ befand
und jetzt eine Fahrradgeschäft-Kette ihre Filiale hat;
das Turmdach wurde vor einigen Jahren vereinfacht wiederhergestellt.

Links die alte Bebauung auf der Südseite der Berliner Straße,
 dort befinden sich heute ungefähr der Park-Streifen und der Gehweg.
(Bildquelle: http://www.zeno.org - Contumax GmbH & Co. KG, gemeinfrei, wir danken)

Wieder zurück zur Fechnerstraße: Diese war wohl eine Art »Wirtschaftsweg«, ein Feldweg, der der rückwärtigen Erschließung der landwirtschaftlichen Gehöfte diente. Scheunen und Stallungen dürften die Gegend südlich der Fechnerstraße geprägt haben, während zur Berliner Straße und später zur Brandenburgischen Straße hin die Bauernhäuser standen.

Nördlich der Fechnerstraße war für Landwirtschaft und Viehzucht genutzte Fläche, die noch weiter nördlich in das Hopfenbruch überging. Das Hopfenbruch war ein sumpfiges Feuchtgebiet, teils karges Feld- und Weideland.

Dieselbe Ecke der Kreuzung Fechnerstraße/Berliner Straße im August 2016
(Bildquelle: eigenes Werk)

Sicherlich, dafür spricht der Straßenverlauf, konnte über die Fechnerstraße als »Rückausgang« der Gehöfte auch die Brandenburgische Straße gemieden werden, um auch nordwestlich Wilmersdorfs gelegene Weideflächen zu erreichen. Denn die Brandenburgische Straße war als Charlottenburger Weg unter anderem Verbindungsstraße zwischen dem bereits 1721 mit Stadtgerechtigkeit versehenen Charlottenburg und dem dörflichen Wilmersdorf. Über den Charlottenburger Weg gelangte man in die Schloss-Stadt, zeitweilig war er Weg des für beide Orte zugleich zuständigen Pfarrers. Eventuell sollte solch eine »bedeutende« Strecke nicht an ihrem südöstlichen Ende durch Viehtrieb und bäuerliche Gerätschaften blockiert werden.

Der Charakter der Fechnerstraße als  Wirtschaftsweg genutzter Feldweg zeigt sich zudem darin, dass sie ab ihrem Aufstieg vom wohl schon länger existenten Trampelpfad zum (unbefestigten) Weg, ab etwa 1856, »An der Trift« hieß.

Eine Trift ist ein von Vieh genutzter Weg zwischen Stallung und Viehweide. Auch mit teilweise geringer Grasnarbe versehene Weideflächen, die insbesondere von Schafherden genutzt werden, werden als Trift bezeichnet. Da nicht nur Trift, sondern An der Trift, ist die Fechnerstraße somit außer Feldweg und Wirtschaftsweg zugleich Begrenzung der sowie Zugang zu den nördlich gelegenen viehwirtschaftlich genutzten, eher kargen Weideflächen gewesen.

Berühmt war ja auch die Wilmersdorfer Schafmilch, die man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogar nach Berlin lieferte und für die der Berliner auch schon mal nach Wilmersdorf kam.

Etwa 1890, als Wilmersdorf bereits wuchs, die Flurstücke aufgeteilt, Straßen vorgeplant, und begonnen wurde, Grundstücksgrenzen auf vorherigen Acker- und Weideflächen für eine Bebauung  zu ziehen, wurde An der Trift in Lauenburger Straße umbenannt.

Die Nordwestecke der Kreuzung Fechnerstraße/Uhlandstraße
(nach 1900 bis spätestens 1914).

Blick in die Uhlandstraße nach Norden,
links zweigt die Fechnerstraße ab, die damals Lauenburger Straße hieß.

Zwischen den beiden hohen Hausgiebeln etwas rechts der Bildmitteist der
flachere Bau der heute noch stehenden Postfiliale Uhlandstraße zu erkennen.

(Bildquelle: http://www.zeno.org - Contumax GmbH & Co. KG, gemeinfrei, wir danken)

Damit wurde die heutige Fechnerstraße nach dem Herzogtum Lauenburg benannt. Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 wurde dieses von Österreich verwaltet. Infolge der Gasteiner Konvention wurde Lauenburg mit Preußen vereinigt: In dieser am 14. August 1865 in Bad Gastein unterzeichneten und bereits fünf Tage später von den beiden Staaten ratifizierten Konvention regelten die beiden deutschen Großmächte ihre gemeinsame Herrschaft über die von Dänemark abgetretenen Herzogtümer Holstein, Lauenburg und Schleswig. Österreich verzichtete in Bad Gastein auf Lauenburg, das für 2,5 Millionen Taler an Preußen abgetreten wurde. Preußischer Verhandlungsführer war Reichskanzler Otto von Bismarck. So läßt sich unter anderem auch die Herkunft des Namens der bis heute so benannten Gasteiner Straße erklären, genauso wie die Namen der Holsteinischen Straße und dass die heutige Uhlandstraße nördlich der Wilhelmsaue Ende des 19. Jahrhunderts Schleswigsche Straße hieß.

Dieselbe Ecke der Kreuzung Fechnerstraße/Uhlandstraße im August 2016
(Bildquelle: eigenes Werk)

Daß An der Trift ausgerechnet etwa 1890 zur Lauenburger Straße wurde, dürfte außer mit der Erlangung Lauenburgs bereits anderthalb Jahrzehnte zuvor und der 1876 erfolgten Eingliederung des Herzogtums als Landkreis Herzogtum Lauenburg in die preußische Provinz Schleswig-Holstein vermutlich auch damit zusammenhängen, daß Otto von Bismarck, der Verhandlungsführer in Bad Gastein und spätere Reichskanzler, 1890 den Titel des Herzogs von Lauenburg erhielt.

Kurz vor der Jahrhundertwende begann die Bebauung der bis dahin als Feld- und Viehweg genutzten Lauenburger Straße mit mehrstöckigen Mietshäusern. Beispielsweise das markante Eckhaus Fechnerstraße/Uhlandstraße/Gasteiner Straße mit den beiden runden Ecktürmchen wurde 1903-1904 erbaut. Es ist in eher schlichtem Jugendstil gehalten und steht heute unter Denkmalschutz.

Fechnerstraße/Uhlandstraße/Gasteiner Straße

Das 1903-1904 erbaute,
in eher schlichtem Jugendstil gehaltene markante Eckhaus
von Wilhelm Bielicke.

(Bildquelle: eigenes Werk)

Am 20. Mai 1937 wurde die Lauenburger Straße in Walter-Fischer-Straße umbenannt. Walter Fischer, geboren am 20. März 1910, von Beruf Schlosser, war ein SA-Mann, der am 14. Dezember 1929 bei einer bewaffneten Auseinandersetzung unweit in der Wegenerstraße tödlich verletzt wurde. Damit wurde vom nationalsozialistischen Regime wie so häufig eine Straße nach einem »Helden der Bewegung« benannt.

Erstaunlicherweise wurde eine Rück- oder Umbenennung nicht in der ersten Zeit nach Kriegsende vorgenommen. Das ist allerdings nachvollziehbar, da im zerstörten Berlin ganz andere Alltagssorgen vorherrschten. Auch die ab dem 1. Juli 1945 für Wilmersdorf zuständige britische Besatzungsmacht/Schutzmacht hatte bei der Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, des wirtschaftlichen Lebens, der Lebensmittelversorgung und all den Alltagsproblemen in der zerstörten Hauptstadt des besiegten und großteils befreiten Landes weit vordringlicheres zu tun als Umbenennungen vorzunehmen und, soweit überhaupt noch vorhanden, Straßenschilder auszutauschen.

Am 31. Juli 1947 wurde die Walter-Fischer-Straße dann in Fechnerstraße umbenannt. Johannes Fechner, genannt Hanns, wurde am 07. Juni 1860 in Berlin geboren. Er war Maler, Graphiker und Schriftsteller. Bekannt wurde er unter anderem mit Portraits, unter anderem von Theodor Fontane und Rudolf Virchow. Fechner studierte ab 1877 sechs Jahre lang an der Akademie der Künste und wurde 1892 Professor am Herzoglich-anhaltinischen Kupferstichkabinett in Berlin, dessen Nachfolger sich heute als Kupferstichkabinett am Kulturforum in Tiergarten befindet.

Hanns Fechner in seinem Atelier, 1907
(
Foto von R. Siegert)

Hanns Fechners Bezug zu Wilmersdorf liegt darin begründet, dass sein Vater Wilhelm Fechner, ein Maler und Fotograf, nordwestlich Wilmersdorfs ein Landhaus besaß. Hanns Fechner erlebte ab 1870 von dort aus den Wandel und Aufstieg des bäuerlichen Dorfes Wilmersdorf zum Seebad Wilmersdorf, der Bauern zu den berühmten Millionenbauern im Zuge der gründerzeitlich bedingten Vorort-Werdung Wilmersdorfs für Berlin und des Zuzuges betuchterer Schichten, die binnen weniger Jahre sich vollziehende Stadtwerdung des ehedem ärmlichen Dorfes am Wilmersdorfer See.

Hanns Fechner: Porträt Rudolf Virchow
1891

In seiner Tätigkeit als Schriftsteller schilderte Fechner in seinem 1911 erschienenen Buch »Spreehanns, Eine Jugendgeschichte aus dem vorigen Jahrhundert« diese Umbruchzeit detailgetreu, akribisch und mit viel Interesse an den lokalen Gegebenheiten und Entwicklungen: »Wilmersdorf hatte es meinen Eltern vor allem angetan, und hier siedelten sie sich kurzentschlossen an, um während der Sommermonate das einfache und gemütliche Leben im Freien auf eigener Scholle führen zu können. Wir waren also jetzt glückliche Landbesitzer. Unser zukünftiges Königreich lag an der Grunewaldseite der wundervollen, mit mächtigen, hohen alten Pappeln bestandenen Landstraße, die die Verbindung zwischen Wilmersdorf und Charlottenburg herstellte und heute Brandenburgische Straße heißt. Das große Stück märkischen Sandbodens war mit einer hübschen Anzahl von Sauerkirschenbäumen bestanden, die im ersten Jahre unseres Besitzes einen ganz riesigen Ertrag dieser vorzüglichen Einmachfrüchte lieferten. Körbeweise wurden die dankbaren Früchte in die Stadt geschleppt (Anm.: mit der »Stadt« ist hier Berlin gemeint), welche Arbeit uns allerdings nicht immer besonders beglückte, da die Entfernung bis zur nächsten gangbaren städtischen Straße etwa dreiviertel Stunden betrug und man meist bis dahin durch knöcheltiefen Sand waten oder über Feld- und Wiesenwege wandern mußte.«

Hanns Fechner behielt und bewohnte das Landhaus seines Vaters, es gehörte ihm bis zuletzt. Es stand an der Ecke Brandenburgische Straße/Konstanzer Straße und wurde 1964 für den heute noch dort stehenden Hochhaus-Neubau der Deutschen Rentenversicherung Bund (damals BfA, Bundesversicherungsanstalt für Angestellte) abgerissen.

Brandenburgische Straße/Konstanzer Straße
Ehemaliger Standort des Landhauses Fechner (bis 1964)
Heute Standort des Mitte der Sechziger Jahre erbauten
Hochhauses der Deutschen Rentenversicherung Bund

(Bildquelle: eigenes Werk)

Das mag heutzutage etwas geschichtsvergessen wirken, jedoch ist die Bedeutung des Vorhandenseins und sogar Ausbaus wie Wachstums dieser Körperschaft des öffentlichen Rechts, des bundesweiten Trägers der gesetzlichen Rentenversicherung, für das damals drei Jahre zuvor eingemauerte Berlin in den Zeiten der Teilung zu bedenken, wo jedes Signal aus Bonn, jede in den Westsektoren angesiedelte bundesdeutsche Institution eine Stärkung und Absicherung Berlins darstellte, eine immense wirtschaftliche, politische und auch moralische Bedeutung für die Insel-Teilstadt hatte. Vor diesem Hintergrund schien der Abriss des Wohnhauses eines schon damals eigentlich höchstens lokal sowie Fachleuten bekannten Künstlers, Schriftstellers und Professors zugunsten der Expansion der BfA wohl vertretbar und dürfte es, dem bedauerlichen Verlust des Gebäudes, des historischen Ortes zum Trotze, auch heute noch sein.

Johannes »Hanns« Fechner verstarb am 30. November 1931 in Schreiberhau, dem heutigen Szklarska Poręba im Riesengebirge, und wurde dort auch beigesetzt.

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